Crossroads

BuchcoverChicago, 1971. Einen Tag vor Weihnachten droht die Familie Hildebrandt zu implodieren. Russ Hildebrandt, Pfarrer im Vorort New Prospect, schickt sich an, seine Ehefrau Marion mit der alleinerziehenden Frances zu betrügen. Und am liebsten würde er seine Frau auch gleich verlassen.

Marion lässt das mittlerweile kalt, längst verfolgt sie ihre eigenen Pläne. Zu lange geht ihr Russ schon auf die Nerven, seine Unsicherheit, seine latente Agressivität und die lachhafte Dauerfehde mit dessen jungen Kollegen Rick Ambrose.

Rick hat hundertfünfzig Jugendliche, die ihn jeden Sonntag anhimmeln. Sie haben zweimal im Monat acht alte Damen. Ich an Ihrer Stelle wäre eifersüchtig.
JONATHAN FRANZEN - Crossroads

Rick hat Russ aus der Leitung der Jugendgruppe »Crossroads« verdrängt und ihn vor aller Augen unmöglich gemacht. Bei »Crossroads« umarmt man sich jetzt, bietet sein Innerstes radikal ehrlich dar, und schenkt einander unvoreingenommene Liebe.

Crossroads, Jonathan Franzen: Kirche in der Gegend von ChicagoRuss wirkt auf einmal steif und antiquiert, den älteren Hildebrandt’schen Kindern, Becky, Perry und Clem, ist ihr Vater nur noch peinlich. Becky und Perry sind selbst bei »Crossroads« und gehören längst zum inneren, coolen Kreis.

Die Scham, der Sohn dieses Mannes zu sein, war neu für ihn und entsetzlich schmerzhaft.
JONATHAN FRANZEN - Crossroads

Sie alle wenden sich ab, Becky wirft sich in die Arme des Folksängers Tanner, Clem schmeißt sein Studium und geht auf einen Selbstfindungstrip nach Peru und Perry versinkt im Drogensumpf.

Crossroads: Schauplatz Navajo Nation ReservationAls Russ noch einmal mit einer Crossroad-Gruppe zum Arbeitseinsatz ins Navajo-Reservat fährt, kommt es zum Eklat …

Die jüngeren Navajos mögen Sie auch nicht ... Die haben die ganze pastorale Fürsorge satt. Sie wollen nicht, dass ein weißer Typ sich zu ihnen herablässt und ihnen sagt, was sein weißer Gott von ihnen erwartet.
JONATHAN FRANZEN - Crossroads

Zwischen Egotrip und Achtsamkeit

Was für eine Familie! Und was für ein Roman. »Crossroads« ist der erste Teil einer Trilogie, welche Themen unserer Gegenwart verhandelt und die in den Siebzigerjahren, um die Jahrtausendwende und in der Gegenwart spielen soll. Im Mikrokosmos der Familie Hildebrandt zeichnet Franzen zunächst ein Sittengemälde der hippiesken Seventies.

Crossroads, Jonathan Franzen: Haus im SchneeZwischen Folksongs, Joints, Spiritualität und sexueller Erweckung lauern hier neben Liebe und Erfüllung auch Selbstzweifel, Verachtung, Egozentrik und Gefühlskälte. Und immer wieder das drängende Gefühl, das Beste im Leben zu verpassen.

Clem schien sich mehr als bloß körperlich verändert zu haben. Es waren nicht nur der Bart, die Haarlänge, der Caban. Vielmehr schien er neuerdings lieber selbst zu reden, als ihr zuzuhören.
JONATHAN FRANZEN - Crossroads

In glänzend geschriebenen, lebensechten Dialogen stellt Franzen brandaktuelle Fragen um Themen wie Selbstverwirklichung und Verantwortung, soziale Spaltung und kulturelle Aneignung. Bei denen zwischen Achtsamkeit und radikaler Offenheit auch ganz gehörig ausgeteilt wird.

All das erzählt Franzen so spannend und so unterhaltsam, dass die gut achthundert Seiten wie im Fluge vergehen. Dabei nimmt er abwechselnd die Perspektiven der Eltern Russ und Marion ein, sowie die der älteren Kinder Becky und Perry, und dem Studenten Clem, der damit hadert, sich vor Vietnam gedrückt zu haben.

Unvergessliche, komplexe Figuren und eine Dramaturgie, die sich sehr geschickt von Cliffhanger zu Cliffhanger hangelt, machen diesen Roman zu einem Lesehiglight des Jahres. Das Warten auf Teil zwei beginnt.


Jonathan FranzenCrossroads Bettina Abarbanell Rowohlt 2021
Jonathan FranzenCrossroadsSascha Rotermund Der Hörverlag 2021
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