Ginsterhöhe

1919. Jungbauer Albert Lintermann kehrt als Kriegsversehrter in die Eifel zurück. In seinem Heimatdorf Wollseifen warten der Hof und die Familie, doch das Wiedersehen verläuft anders als erhofft.

Schwere Gesichtsverletzungen haben Albert entstellt. Nur wenige im Dorf halten seinen Anblick aus, Ehefrau Bertha begegnet ihm mit Abscheu und Ekel.

Wochenlang hatte er gar nicht gewusst, wie schwer seine Verletzungen waren, und als ihm dann zum ersten Mal ein Spiegel gereicht worden war, hatte ihn der Anblick seines zerfetzten Gesichts in einen Schockzustand versetzt ...
ANNA-MARIA CASPARI - Ginsterhöhe

Leni, die Verlobte seines besten Freundes Hannes, und Silvio, der Gastwirt mit den italienischen Wurzeln, werden Alberts engste Vertraute. Auch für Leni beginnt eine harte Zeit: Hannes ist im Krieg gefallen, ihre Tochter muss sie allein durchbringen. Um versorgt zu sein, heiratet sie den Zugezogenen Johann Meller.

Mit dem Aufstieg der Braunhemden verändert sich das Leben in Wollseifen, Meller entpuppt sich als glühender Nationalsozialist. In Sichtweite des Dorfes entsteht die gigantische NS-Ordensburg Vogelsang, eine Kaderschmiede, die »neue Menschen« formen will …

Als kurz nach der Einweihung die ersten Junker auf Vogelsang waren, war auch er aufgenommen worden, und bei den seltenen Gelegenheiten, zu denen er sich noch einmal im Dorf blicken ließ, stolzierte er in Uniform herum ...
ANNA-MARIA CASPARI - Ginsterhöhe

In Blickweite der NS-Junker

Das Dorf Wollseifen hat es wirklich gegeben, heute ist es fast vollständig von der Landkarte getilgt. Um 1900 veränderte die Urfttalsperre die bäuerliche Region, sie brachte Arbeitsplätze, Fremdarbeiter und wirtschaftlichen Boom durch Fremdenverkehr.

Ab 1934 bauten die Nationalsozialisten in Blickweite die NS-Ordensburg Vogelsang und einen Flugplatz. Hier indoktrinierte man den Führungsnachwuchs mit der NS-Ideologie, mit Kriegsbeginn wurde die Anlage zum Truppenquartier.

Vogelsang ... ist in einer unfassbar kurzen Zeit hochgezogen worden und verändert unsere ganze Landschaft, seitdem es so mächtig wie eine Festung oben auf dem Hügel thront.
ANNA-MARIA CASPARI - Ginsterhöhe

Nach Kriegsende kehrten die Bewohner in das zuletzt evakuierte Dorf zurück, bis sie 1946 vom britischen Militär vertrieben wurden. Das gesamte Dorf wurde beschlagnahmt und zum Truppenübungsplatz, die eilig zurückgelassenen Häuser nach und nach durch Kampfübungen zerstört.

In ihrem Roman geht Anna-Maria Caspari diesen schicksalhaften Ereignissen nach und erzählt, wie sich Wollseifen im Lauf von vier Jahrzehnten modernisiert, und nach 1933 ungewollte Aufmerksamkeit auf sich zieht.

NS-Funktionäre erwerben Land, einfache Dorfjungs lernen auf dem Flugplatz das Segelfliegen. Bis sie schließlich als Flieger in den Krieg ziehen, Missliebige spurlos aus dem Ort verschwinden und Zwangsarbeiter auf den Höfen schuften.

... kaum hatten sie die größten Schäden beseitigt, kam der nächste Schlag: im Augst 1946 verfügt die britische Besatzungsmacht, dass alle Einwohner ... das Dorf bis zum 1. September zu räumen hatten.
ANNA-MARIA CASPARI - Ginsterhöhe

Was sich im Inneren der Ordensburg abspielte, bleibt im Roman außen vor, konsequent nimmt die Autorin die Perspektive der Dorfbewohner ein, die »dort oben« keinen Zutritt hatten und nur gerüchteweise ahnten, was dort vor sich ging.

Als Dorfporträt liest sich »Ginsterhöhe« leicht und spannend, bleibt dabei aber ein wenig blass und unbeteiligt. Über das Abarbeiten der historisch verbürgten Ereignisse versäumt es der Roman, seinen Figuren Leben einzuhauchen. Als Stichwortgeber dienen sie in erster Linie dem Plot und bleiben eindimensional. Hier die Redlichen wie Albert, Leni und Silvio, dort ihre Widersacher wie Ehefrau Bertha oder der Nazi Johann Meller.

Dabei wäre es sicherlich auch spannend gewesen, mehr über Bertha zu erfahren, die nach dem Anblick ihres Mannes versteinert und deren Tochter Annemie das Resultat einer Vergewaltigung ist. Aber dann wäre dieses Buch ein ganz anderer Roman geworden.

So bleibt »Ginsterhöhe« ein guter Unterhaltungsroman über das Dorfleben in Blickweite der NS-Junker. Nicht mehr, und nicht weniger.


Nach langjähriger Nutzung durch das belgische Militär wurde die Ordensburg im Jahr  2006 als Vogelsang IP (Internationaler Platz) der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 

Die gigantische Anlage zeugt von der Herrschaftsarchitektur der Nazis, seit 2016 beleuchtet eine sehenswerte, sehr moderne Ausstellung die Geschichte der Anlage und ihre Aufgabe als Ort der Repräsentation und NS-Indoktrination: Bestimmung: Herrenmensch. NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen.

Anna-Maria CaspariGinsterhöhe Ullstein 2022
Anna-Maria CaspariGinsterhöheJulian Mehne, Walter Kreye Hörbuch Hamburg 2022
Blick von Wollseifen zur Ordensburg / Foto: Gabriele Delhey (CC BY-SA 3.0) via Wikimedia Commons
Drohnenaufnahme Ordensburg Vogelsang: © Raimond Spekking (CC BY-SA 4.0) via WikimediaCommons
Ruine in Wollseifen: Leonhard Lenz (CC0) via Wikimedia Commons
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