Lori

Thüringen, 1995. Die 16-jährige Leni wächst mit ihren fünf Geschwistern an einem höchst unkonventionellen Ort auf: ein einsam gelegenes, verlassenes Bahnhofsgebäude.

Was zunächst wie ein skurriles, fast idyllisches Bullerbü-Leben auf dem Land wirkt, entpuppt sich schnell als emotionales Minenfeld.

Papa ... lächelt in die Kamera ... in seinem Blick noch immer die Wärme, die uns die Kindheit hat durchstehen lassen. ... Mama fehlt auf den Fotos. Und Lori. Natürlich. Sie fehlt seit dreißig Jahren auf jedem Foto.
ANOUSCH MUELLER - Lori

Mutter Katharina bringt in einer Art Zwang ständig neue Kinder zur Welt, verliert aber das Interesse, sobald diese älter werden. Vater Robert ist Rettungssanitäter, zugewandt und pragmatisch, er hält daheim das Chaos zusammen.

Doch über allem schwebt eine unsichtbare, erdrückende Leerstelle: Lori, die ältere Schwester. Lori existiert in der Familie nicht. Ihr Name wird totgeschwiegen. Als Leni beginnt, den seltsamen Narben auf den Händen ihrer Eltern nachzuspüren, bricht das mühsam errichtete Lügengebilde zusammen.

Die Spurensuche führt in die Lausitz, in eine Milchbar namens Kosmos und die DDR der frühen 1970er-Jahre …

Sie sind gleich aufs Ganze gegangen, Katharina und Robert. Aus dem Kosmos direkt hinein in die Zukunft. Gemeinsam, Hand in Hand, den Blick entschlossen nach vorne gerichtet. Wie auf einem sozialistischen Mosaik. Bei ihm war es Liebe, bei ihr vor allem Wille.
ANOUSCH MUELLER - Lori

Ein Leben im Dazwischen

Wer glaubt, über die DDR sei literarisch bereits alles gesagt, wird von Anousch Mueller eines Besseren belehrt. Dreizehn Jahre nach dem Erscheinen ihres Debüts »Brandstatt« widmet sich die Erfurter Autorin erneut dem Leben in einem thüringischen Dorf und blickt dabei hinter die Fassaden des sozialistischen Alltags. Eindringlich lässt sie spüren, wie die politische Repression des SED-Regimes Biografien zerschmetterte, mit Nachwirkungen, die bis heute spürbar sind.

Ihr packender Roman erzählt auf mehreren Zeitebenen, wie die Traumata der Eltern das Leben der Kinder prägen. Das Heim der Familie, ein ausrangierter Bahnhof fernab des Dorfes, steht dabei für Entwurzelung, Ausgrenzung und ein Leben im Dazwischen.

Das Gebäude war ein Übergangsquartier, keine Heimat. Die Leute, die hierher zogen, waren nicht auf der Suche nach Abgeschiedenheit, sie kamen hierher um zu büßen. Sie hatten auf den langen Wegen ins Dorf, ... beim mühseligen Heizen der kalten Gemäuer, beim Rundumblick in die leere Weite der Felder viel Zeit, um über ihre Verfehlungen nachzudenken.
ANOUSCH MUELLER - Lori

Kunstvoll komponiert, dabei überaus spannend und unterhaltsam erzählt: »Lori« ist ein famoser psychologischer Spannungsroman, der mühelos zwischen Familiengeschichte, Coming-of-Age und DDR-Zeitenporträt balanciert. Anousch Mueller verzichtet darin auf einfache Urteile, stattdessen lässt sie nachempfinden, wie ein Unrechtssystem Menschen vor existenzielle Entscheidungen stellt.

Berührend, vielschichtig und packend, von der ersten bis zur letzten Seite.

Anousch MuellerLori C. H. Beck 2026
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