Freistatt

Szenenfoto - Freistatt
Wolfgang wird ins Heim abgeschoben / ©  Edition Salzgeber

Sommer 1968. Die Jugend der Welt probt den Aufbruch, doch in der norddeutschen Provinz ist davon wenig zu spüren.

Der vierzehnjährige Wolfgang wohnt in Osnabrück, er schraubt gern an Mofas herum und wird von seinem eifersüchtigen Stiefvater Heinz herumkommandiert. Bei der erstbesten Gelegenheit schiebt Heinz den lästigen Stiefsohn ab und übergibt ihn der Fürsorge, gegen den Willen der Mutter.

Wolfgang kommt nach »Freistatt«, einem christlichen Erziehungsheim, das inmitten einer einsamen Moorlandschaft liegt. Dort begrüßt ihn der freundlich erscheinende Hausvater Brockmann. Doch der Hobbygärtner führt das Heim mit eiserner Hand und zwingt die Zöglinge in eine brutale Hierarchie.

Szenenfoto - Freistatt
Wolfgang und Anton freunden sich an / © Edition Salzgeber

Statt einer Ausbildung gibt es für die Heranwachsenden nur tägliche Maloche. Wer bei der Zwangsarbeit im Moor ausschert oder schlapp macht, wird verspottet, geprügelt, getriezt und gequält. Einzig der junge Erzieher Bruder Krapp bemüht sich um Milde und Verständnis.

Verzweifelt versucht Wolfgang der Gewalt zu widerstehen, bald findet er in dem Afrodeutschen Anton einen verlässlichen Freund.

Und dann ist da noch Angelika, die Tochter des Hausvaters. Mit ihrer Hilfe schmuggelt Wolfgang Nachrichten heraus und hofft auf einen Ausweg in die baldige Freiheit …

Schwarze Pädagogik im norddeutschen Moor

Szenenfoto - Freistatt
Die Arbeit im Moor ist ein Knochenjob / © Edition Salzgeber

Die Sechzigerjahre waren ein Jahrzehnt des Aufbruchs und der brutalen Kontraste. Während Studenten gegen den universitären Mief protestierten und der Minirock die sexuelle Revolution verhieß, herrschte in den Erziehungsanstalten ein finsteres Regime der Gewalt.

War der Jugendwerkhof Torgau im Film »Barbara« noch eine ostdeutsche Randnotiz, so widmet »Freistatt« der westdeutschen Heimerziehung einen ganzen Film. Das packende Drama zeigt den Drill, den Missbrauch und die rohe Gewalt. Und die Naivität einer Mutter, die sich gegen den neuen Ehemann nicht durchsetzen will – oder kann.

Der Film überzeugt mit fein gezeichneten Charakteren und einer explosiven Dramaturgie, die sich an großen Gefängnisdramen wie »Flucht in Ketten« (1958) oder »Die Verurteilten« (1994) orientiert.

Szenenfoto - Freistatt
Wolfgang und Anton wagen die Flucht / © Edition Salzgeber

Das Jugendfürsorgeheim »Freistatt«, mit seinen Häusern Moorhof, Moorstatt und Moorburg hat es wirklich gegeben. Es lag mitten im Wietingsmoor, einem ausgedehnten Moorgebiet im niedersächsischen Landkreis Diepholz. Die Moorburg war eine geschlossene Anstalt für »besonders schwer zu Erziehende und Rückfällige«, die mit ihren vergitterten Fenstern und Einzelzellen einem Gefängnis glich.

Gedreht wurde »Freistatt« an Originalschauplätzen, mit Unterstützung des heutigen Trägers der Diakonie Freistatt. Regisseur Marc Brummund stammt selbst aus Diepholz und ist mit dem Ort und seiner Vergangenheit bestens vertraut.

Szenenfoto - Freistatt
Bruder Wilde verhängt eine diabolische Strafe / © Edition Salzgeber

Der Film wurde in 2015 mit dem Max Ophüls Preis ausgezeichnet, Hauptdarsteller Louis Hoffmann (Dark), der den Wolfgang spielt, erhielt den Bayerischen Filmpreis als bester Nachwuchsdarsteller. In weiteren Rollen glänzen Alexander Held (Tannbach) als Hausvater Brockmann, Stephan Grossmann (Weissensee) als Bruder Wilde und Max Riemelt (Im Angesicht des Verbrechens) als Bruder Krapp.

Ein herausragendes Drama, spannend und beklemmend, das ein wenig bekanntes Kapitel deutscher Geschichte illustriert.

Mitreißend gespielt und bildstark inszeniert, inklusive beeindruckender Panoramen der norddeutschen Moorlandschaft.

FreistattSalzgeber & Co. Medien GmbH
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